Immer mehr führen eine offene Beziehung und immer weniger verheimlichen es. Was wohl daran liegt, dass unsere Gesellschaft toleranter geworden ist und klein kariertes Moralaposteldenken langsam ausstirbt. Klar, es gibt sie noch immer, die verklemmten Spießer, die einem eigentlich nur Leid tun können, aber es werden Gott sei Dank immer weniger. Eine offene Beziehung können nur Menschen führen, die ihrem Partner vertrauen und die sich seiner Liebe völlig sicher sind, dazu kommt noch, dass die beiden ein gutes Selbstvertrauen haben müssen. Denn mangelndes Selbstvertrauen wird in diesem Fall immer zu Eifersucht führen, was Gift ist für eine offene Beziehung.
Was aber ist überhaupt eine offene Beziehung?
Eine offene Beziehung besteht, wenn sich zwei Menschen lieben, dabei den Partner aber nicht einschränken, denn Lieben heißt nicht den Anderen zu besitzen, also ihm zubilligen, dass er auch mit anderen Personen sexuellen Kontakt hat. Wohlgemerkt der Kontakt bezieht sich nur auf die sexuelle Ebene, nicht auf die emotionale Ebene. Genau da liegt oft das Problem, nämlich, wenn sich einer der beiden in einen anderen verliebt, also seine Gefühle nicht wie vereinbart aus dem Spiel lässt, dann kann es zu ernsthaften Problemen kommen und oft bedeutet dies auch das Ende der offenen Beziehung. Entweder die Partner trennen sich oder kehren zu der herkömmlichen Form einer Beziehung wieder zurück, weil man dann von Vertrauen nicht mehr sprechen kann. Aber warum gehen trotz all der Gefahren, die doch in einer offenen Beziehung liegen, immer mehr Paare eine solche ein?Â

Wir haben dazu Hans-Jürgen (36) und seine Lebensgefährtin Ilona (32) gefragt, die schon lange eine solche Beziehung führen und damit glücklich sind. “In den ersten Jahren unserer Beziehung, war überhaupt nicht die Rede davon”, verrät uns Hans-Jürgen. “Alles lief nach dem üblichen Schema ab und keiner von uns beiden hat etwas vermisst, schließlich waren wir ja jung verliebt und es gab noch viel am Anderen zu entdecken und zu erforschen. Aber nach etwa zwei Jahren waren unsere Beziehung und damit auch unser Sexleben langweilig geworden. Wir wussten beide, dass sich etwas ändern musste, denn wenn es so weitergegangen wäre, hätte unsere Liebe Schaden genommen und wir hätten uns sicher wie so viele andere Paare getrennt. Jetzt begann zuerst einmal eine lange Zeit, in der wir experimentierten und ausprobierten, aber egal was wir versuchten, es hat nie richtig gepasst. Weder ein Treffen mit einem anderen Paar, noch dass wir einen dritten Mann oder eine Frau dazu nahmen, hat uns das gegeben, was wir suchten.
Etwas später, es ist jetzt etwa 1 Jahr her, waren Ilona und eine Freundin auf einer Party gewesen, auf dem Weg nach Hause hatte sie einen anderen Mann kennen gelernt. Klar hab ich mich in dieser Nacht gefragt, ob sie mich überhaupt noch liebt, aber als ich dann erst einmal darüber geschlafen hatte und nach langen Diskussionen am nächsten Tag, sind wir zu einer Übereinkunft gekommen.
Jeder hat die Freiheit sich außerhalb unserer Beziehung einen Sexpartner zu suchen.
Selbstverständlich darf ein sexueller Kontakt nur mit richtiger und bestmöglicher Verhütung stattfinden und es muss ein rein sexueller Kontakt bleiben. Wenn Gefühle oder gar Liebe mit im Spiel sind, würden wir unsere Beziehung gefährden, was keiner von uns beiden wollte. Ilona ist und bleibt meine Traumfrau und im Bett klappt es ganz prima, vielleicht deshalb, weil wir auch noch andere sexuelle Kontakte haben und daher immer neue Ideen und Anregungen einfließen.
Wir reden darüber auch nicht miteinander, weil wir uns gegenseitig nicht beeinflussen oder manipulieren möchten, was ja der Fall wäre, wenn wir dem Partner erzählen, was der/die Andere besser gemacht hat oder was wir toll fanden. Aber neue Varianten oder auch Stellungen probieren wir oft und gerne aus.”
Die beiden scheinen eine gute Lösung für sich gefunden zu haben, die sich sicher auch auf andere Paare mit gleichen Ambitionen übertragen lässt. Der springende Punkt hierbei scheint zu sein, dass beide die gleichen Rechte haben und es nicht wie in manchen offenen Beziehungen nur eine/r ist, der von dem Recht auf freie Liebe gebrauch macht und der Partner, dem nur zustimmt, weil er Angst hat den Anderen zu verlieren.
Wir möchten auch von Ilona wissen, wie sie dazu steht und ob sie das Gefühl hat, dass einer von ihnen beiden benachteiligt wird?
Sie lacht und sieht dabei ihrem Hans-Jürgen an: “Ganz sicher wird durch unsere Art das Leben zu leben und die Liebe, also auch den Sex, zu genießen keiner benachteiligt oder zu etwas veranlasst, was er eigentlich gar nicht will. Ich bin sogar eher geneigt zu sagen, dass wir dadurch beide gewonnen haben, weil wir einfach fair zueinander sein können und nicht gezwungen sind uns eine Ausrede einfallen zu lassen, wenn wir einmal alleine weggehen. Wir sind nicht gezwungen, den Partner zu belügen.”
Darauf angesprochen, warum sie keine “normale” monogame Beziehung führen will und was sie daran findet mit anderen Männern Sex zu haben meint sie: ” Das ist ganz einfach, ich bin eine Frau die die Abwechslung liebt. Es ist sehr aufregend mit einem neuen Mann intim zu sein, weil jeder andere Ideen und Fantasien hat und ich genieße das eben total. Außerdem ist es ja so, dass jeder Mann anders umgeht mit einer Frau und sie anders anfasst, die einen sind sehr zärtlich und sanft, die anderen sind dominant und nehmen sich was sie wollen und zeigen dir, wo es lang geht. Genau dieser Kontrast ist es, den ich suche und der mir eine Gänsehaut über den Rücken jagt.”
“Hast du noch nie schlechte Erfahrungen gemacht?”
Sie lächelt verschmitzt: “Noch nie, ich sehe mir die Männer doch vorher genau an, da kommt nicht jeder in Frage. Als Erstes müssen sie Top aussehen, wenn einer einen Bauch hat oder eine Glatze, dann kommt der schon gar nicht in Frage. Dann unterhalte ich mich mit ihnen vorher und da fallen dann die aus meinem Raster, die nicht viel im Kopf haben. Bisher hat das immer sehr gut funktioniert.” “Fühlt sich denn dein Partner nicht manchmal zurück gesetzt?” “Nein das denke ich nicht, weil wir ja oft intensive Gespräche führen über unsere Gefühle und unsere Liebe und damit auch über die Form, wie wir leben. Hans-Jürgen hat die gleichen Rechte und Ambitionen wie ich und ich denke doch, dass er auch weiß, wie er auf seine Kosten kommt.”