Politische Beobachter und Journalisten haben sich angewöhnt, die Dauer der körperlichen Kontakte zwischen Staatsmännern, denen das Schicksal der Nationen anvertraut ist, sorgfältig zu verzeichnen. Ein in die Länge gezogener Händedruck ist nach ihrer Meinung als günstiges Zeichen zu werten, besonders wenn die handelnden Personen gleichzeitig Blickkontakt halten. Das war der Fall bei einem historischen Händedruck zwischen dem Vorsitzenden Mao und Henry Kissinger: er dauerte neunzig Sekunden.
Eine Nummer der Zeitschrift Le Spectacle du Monde (Nummer 141, Dezember 1973) enthält ein ähnliches Dokument von einem Treffen Giscard d’Estaings mit Rapine. Ihr Händedruck läßt den relativen Mißerfolg des Treffens bereits ahnen.
Die Entfernung zwischen den Partnern ist sehr groß. Giscard d’Estaing hält seinen Arm fast ganz ausgestreckt, um die Hand seines Gegenübers zu ergreifen, und sein Daumen legt sich wie eine Barriere quer über den Handrücken von Rapin; fast berührt er seinen Ärmel. Seine freie Hand hält er gut verborgen in der Tasche, was ein ganz eindeutiges Zeichen von Vorsicht und Reserve ist. Es sieht zwar so alls, als sei der Blickkontakt hergestellt, aber der steif aufgereckte Kopf Giscard d’Estaings und sein sehr gemessenes Lächeln halten seinen Partner auch moralisch auf Abstand. Dagegen zeigt Herr Rapine mit vorgeneigtem Kopf, hochgezogenen Brauen und gerunzelter Stirn ganz deutlich, dass er in der schwierigen moralischen Situation des Bittstellers auftritt.
Die Photographie kann leider nicht die innere Dynamik dieses Gestenaustauschs wiedergeben. Wer von beiden war es zum Beispiel im Fall Mao Tse-tungs und Henry Kissingers, der so lange und besitzergreifend oder nur einwilligend und eher passiv die Hand des andern hielt? Von wem ging der Impuls aus, der dieses Händeschütteln so schwungvoll in Bewegung setzte? Wer gab das Zeichen zum Aufhören? Und welche Energiemenge wurde von den Muskeln der vereinigten Hände im zweiten Beispiel mobilisiert? Diese präzisen Fragen könnten in jedem einzelnen Fall nur von den handelnden Personen selbst beantwortet werden. Forschungsarbeiten und Versuchsreihen haben jedoch die Bedeutung bestimmter Formen des Informationsaustauschs im Zuge eines Händedrucks entziffern können.
Der Händedruck beginnt mit einer Bewegung des Unterarms, die von beiden Partnern gleichzeitig oder von einem der Partner mit Verzögerung ausgeführt wird, Bei uns ist ein Händedruck, übrigens fälschlicherweise Shakehands genannt (die Engländer sagen hand-shake), üblich, wenn zwei Personen, die sich nicht kennen, einander vorgestellt werden; außerdem, wenn zwei Personen, die sich kennen, zum erstenmal im Laufe des Tages sich treffen. Es besteht praktisch kaum Unsicherheit darüber, ob ein Händedruck jeweils angebracht ist.
Schon das kleinste Zögern bei der Anfangsbewegung des Unterarms läßt die Einstellung der beiden Partner zueinander teilweise erkennen. Wenn jemand die Hand ausstreckt, zurückzieht, erneut ausstreckt, beweist er damit entweder seinen Widerwillen gegen den Kontakt mit der Hand des andern, oder er fürchtet, daß seine Geste unerwünscht ist und seine ausgestreckte Hand ins Leere stößt oder eine Hand ergreift, die ihm nur zögernd und widerwillig überlassen wird. Ziemlich eindeutig ist es, wenn jemand als Reaktion auf die bereits ausgestreckte Hand des andern seinen Arm in sparsamster Weise vorstreckt, ihn nah bei sich behält, wodurch er seinen Partner zwingt, seinerseits drei Viertel der Entfernung zu überwinden. Damit versetzt er den anderen zwangsläufig in die Lage des Bittstellers. »Meine Hand ist bereit, die Ihre anzunehmen«, will er eigentlich sagen, »aber nur, weil Sie Wert darauf legen. Sie sollten sich darüber klar sein, daß die Bemühung auf Ihrer Seite liegen muß und daher Sie die ganze Wegstrecke allein zurücklegen müssen.«
Es kann dagegen auch sein, daß derjenige, der die Initiative ergreift, mit einer schnellen Bewegung seinen Arm in ganzer Länge ausstreckt und damit eine Grenze markiert, die der andere nicht überschreiten darf. »Es ist eben unvermeidlich, daß wir uns die Hand geben«, sagt der ausgestreckte Arm, »aber versprechen Sie sich davon bloß keine Vertraulichkeit.«
Wer dem Händedruck des Partners drei passive Finger überläßt, beweist damit Herablassung. Daraus spricht eine gewisse Geringschätzung, die übrigens auch dem Händedruck als institutionalisiertem Ritus gelten kann. Der gleichgültige Händedruck gehört oft zu einem Intellektuellen, dessen wahres Leben sich in der Sphäre der Abstraktion und der Begriffe abspielt. Er mißt körperlichen Kontakten, der körperlichen Existenz überhaupt, wenig Bedeutung zu. Seine Geste gibt zu verstehen: »Fügen wir uns dem Brauch, obwohl dieser Kontakt unserer Hände höchst uninteressant ist. Für mich zählt etwas anderes; wir können uns auf einem anderen Gebiet begegnen.«
Ein plötzliches Zurückziehen der Hand nach dem Händedruck verrät oft einen Mangel an Sicherheit. Der Mensch, dessen Hand sich auf den Händedruck eingelassen hat, erschrickt auf einmal über seine Kühnheit und möchte so schnell wie möglich den Rückzug antreten. Vielleicht wohnt in tiefen Schichten seines Bewußtseins noch eine Furcht: seine Hand könnte verschwinden oder im Griff der anderen Hand auf immer verlorengehen. Eine freimütige Hand, die die andere fest ergreift und Kontakt mit Fingern und Handteller sucht, beweist eine offene und freundliche Einstellung. Sie zieht sich nicht heimlich zurück, hält sich aber auch nicht überlang auf und erfüllt einfach ihre Funktion: die einer Kontaktaufnahme zwischen freundlichen Menschen.
Der Händedruck ist aus einer viel älteren Geste entstanden, die uns zurückführt zum Anfang der geschichtlichen Zeit. Wenn zwei Männer sich begegneten, hoben sie beide gleichzeitig ihre Hände über den Kopf, um zu signallsieren und auch zu beweisen, daß sie keine Waffen trugen. Zwischen diesem primitiven Gruß - der in Kriegszeiten und beim Ausbruch offener Feindseligkeiten auch heute noch üblich ist und unserer heutigen Grußgeste ist der »römische Gruß« einzuordnen. Die Römer ergriffen. um sich zu begrüßen, gegenseitig ihre Unterarme; man kann diese Geste in den Ländern rund um das Mittelmeer auch heute noch häufig sehen.
Unserem westlichen Bewußtsein ist nicht mehr gegenwärtig, daß unser Händedruck, den wir mit unseren Gästen oder im Büro austauschen, einmal zum Ausdruck bringen sollte, daß wir keine Angriffswaffen mit uns führen. Wir sind vielmehr überzeugt, daß wir lediglich eine banale Geste der Höflichkeit ausführen.
Viele Leute machen sich den Händedruck zunutze, um ihre körperliche Kraft zur Schau zu stellen. Sie greifen voller Eifer nach der ausgestreckten Hand, drücken sie, pressen sie und brechen einem fast die Finger. Der Händedruck artet zu einem Kampf aus, wobei derjenige, der die Feindseligkeiten mit seinem zermalmenden Druck eröffnet, die besten Siegeschancen hat. Der Überraschungseffekt kommt ihm zugute, und die Muskulatur der Hand, die blitzschnell in seinen Schraubstock gerät, kann nicht rechtzeitig reagieren. Offenbar ist der Schnellere immer im Vorteil. Häufig wird physische Kraft mit Männlichkeit verwechselt; daher gewöhnen sich viele Heranwachsende einen energischen Händedruck an, aus dem man seine eigene Hand nur halb zerquetscht retten kann.
Diese sinnlose Kraftentfaltung verrät die Unsicherheit des Halbwüchsigen über seine sexuelle Identität, die er überwinden möchte. Ungeschickt versucht er, seine Männlichkeit zu beweisen, indem er seine junge, stürmische Energie zur Schau stellt.
Auch manche Frauen reichen ihrem Partner eine spröde und harte Hand. Ihr Händedruck ist aktiv und eindringlich; er wird für männlich gehalten, deutet aber nicht unbedingt auf Aggressivität hin, sondern verrät eher den Entschluß, die Weiblichkeit für den Augenblick einmal beiseite zu lassen. »Nein«, sagt diese feste Hand, »ich bin nicht dieses kleine, weiche, zarte und passive Etwas des weiblichen Stereotyps. Ersparen sie mir die Aufmerksamkeiten, die meinem Geschlecht aus Tradition erwiesen werden. Behandeln Sie mich als gleich und ebenbürtig. Meine Entschlußkraft, meine Energie stehen nicht hinter der Ihrigen zurück.« Frauen, die sich im Beruf durchsetzen, haben schließlich meist auch privat einen Händedruck, der sich kaum von dem Händedruck unterscheidet, den sie zunächst hauptsächlich ihren geschäftlichen Beziehungen vorbehalten hatten.
Den wirklich autoritären und aggressiven Händedruck kann man leicht erkennen. jemand ergreift Ihre Hand, drückt sie fest und zwingt Sie plötzlich zu einer Drehung. Auf Ihre horizontal nach oben gewendete Handfläche legt sich die seine mit Herrschergeste und veranschaulicht haargenau die Situation, die er für Ihre Beziehungen anstrebt: Sie unten, er oben. Wenn Ihnen andererseits jemand die Hand reicht mit gedrehtem Handgelenk und von vornherein nach oben gewendeter Handfläche, so signallsiert er Ihnen seine vollständig ergebene Einstellung.
Die Amerikaner haben die anschauliche Bezeichnung cold lish für die unbewegte, formlose, inaktive Hand, die in der Hand des Partners strandet. Dr. Jean Bergés nennt in seinem Buch Les gestes et la personnalit diese Hand die Hand der Verweigerung. »Weigerung, der zu sein, der die Hand ausstreckt, oder dem man die Hand reicht, Weigerung, zu geben oder entgegenzunehmen, Weigerung, dem anderen auf gleicher Ebene zu begegnen.«
Die Hand vom Typ <>, gehört paradoxerweise nicht selten einem stämmigen Mann oder einem Athleten. Da er die vernichtende Oberlegenheit seiner Körperkräfte kennt und weiß, daß er Schwächere unabsichtlich verletzen könnte, reduziert er seinen Händedruck bis zur Bewegungslosigkeit. Eine derart wesenlos wirkende Hand kann der Ausweis eines Künstlers, Gynäkologen, Chirurgen, Kunsthandwerkers, Boxers . . . sein. Er möchte die Hand als sein wertvollstes Werkzeug schützen und versucht, die eventuelle Aggressivität der ihm entgegengestreckten Hand zu entschärfen, indem er seine eigene Hand ganz leblos wirken läßt. Der Händedruck Marke »cold fish« wird niemals als sympathisch empfunden, ob man nun die Ursache für seine Laschheit kennt oder nicht. In den USA bezeichnet man ihn schlicht und einfach als „unamerikanisch“.
Noch schlechter im Ruf steht der klamme, warme, feuchte Händedruck. Er ruft ausnahmslos Abneigung hervor. Wer mit schwitzenden Handflächen geschlagen ist, leidet gewöhnlich ganz furchtbar unter diesem Übel. Schon die Aussicht auf einen Händedruck verzehnfacht die ohnehin vorhandene Angst und löst einen gerade dann höchst unpassenden Schweißausbruch aus. Fieberhaft knüllt der Unglückliche ein Taschentuch in seiner Hand zusammen; hat er kein Taschentuch, trocknet er seine Handflächen hastig, indem er über den Anzugstoff seiner Hose fährt oder sie gegen irgendeine frische, trockene Fläche in seiner Reichweite preßt. Bei Heranwachsenden sind feuchte Hände eine häufige und beinahe normale Erscheinung; bei Erwachsenen lassen sie auf eine starke Erregbarkeit und Angstgefühle schließen, die für die Betroffenen zeitweise unerträglich werden können.
Als letzte Möglichkeit bleibt noch übrig die Hand, die verweigert wird. Sie strecken die Hand aus, und Ihr Partner reagiert nicht auf Ihre Geste. Wenn er Sie dabei klar und deutlich ansieht, ist seine Absicht nicht schwer zu deuten. Dieser Mann will Sie beleidigen; er greift Sie aktiv an. Er weist Ihr Entgegenkommen zurück, Ihre Versöhnungsversuche, leugnet Ihre Anwesenheit, Ihre Person, ieden Kontakt. Er bietet Ihnen die Stirn, er erklärt Ihnen den Krieg. Wenn Jemand sich den Anschein gibt, Ihre ausgestreckte Hand nicht zu sehen, wenn er so tut, als bemerke er Ihre Geste nicht, so ist bei seiner Ablehnung Vorsicht im Spiel. Natürlich bringt er Ihnen eine unübersehbare Abneigung entgegen; aber er will Unannehmlichkeiten vermeiden; oder aber er verachtet Sie wirklich grenzenlos; in seinen Augen existieren Sie nicht, und er erwartet von Ihnen nicht die kleinste Reaktion auf diesen absichtlichen Affront.